yeno
20. November 2009
Ich will da eigentlich gar nicht rein. Die ältesten U-Bahn-Waggons der Welt kommen knarzend zum stehen, die verschrammten Holztüren der Linie A öffnen sich und es strömt ein Dunstgemischt aus Fußschweiß, billigem Parfum und Katzenfutter entgegen. Nein, ich will das wirklich nicht rein. Zu viele schwitzende Leiber auf zu kleinem Raum. Sardinenbüchse ist dafür eine nette Umschreibung.
Dem dicken, alten neben mir rinnen Schweißperlen die grobporige Stirn hinab. Der junge Banker versucht sich die Schläfen mit seiner Krawatte abzutrocknen. Oh Gott und jetzt hebt einer auch noch seinen Arm, um sich irgendwo verzweifelt festzuhalten. 83 Prozent Luftfeuchtigkeit, Alter!!! Hinter mir spüre ich jemanden, von dem ich hoffe, dass er einfach nur einen Schlüsselbund in der Hosentasche hat. Ich hatte mit einigen Männern hier morgens in der U-Bahn engeren Kontakt als mit so manchen bei gewollt intimen Aktionen.
So knattern wir eingepfercht also acht Stationen von Rio de Janeiro in meinem Bezirk bis ins Zentrum zur Station Lima. In Plaza Miserere ticken die Leute völlig aus. Es ist so schon kein Platz mehr aber nein: alls rein damit. Wie verblödete Rinder, die ins Gatter getrieben werden. Den Wahnsinn in den Augen. Ob sich die Türen noch schließen lassen, is jetzt egal.
Und dann da erstmal wieder rauskommen. Aller spätestens beim Kongress sollte man sich Gedanken machen wie man am besten zur Tür gelangt. Noch drei Haltestellen aber wer sich jetzt nicht rührt, hat verloren. An den größeren vorbeikommen, ist kein Problem: Lächeln, “permiso” flüstern und vorbeischieben. Der Hintern ist ja gottseidank mehr breit als tief und so belästigt man keinen in der Hüftgegend. Schlimm sind die kleinen Frauen. Die übersieht man leicht. Sie wuseln wie kleine Wiesel vorbei und kneifen einem in den Bauch, wenn man zu langsam reagiert. Von oben sieht man dann nur einen dunkel behaarten Kopf mit hellem Scheitel. Handtäschchen stets geschultert.
Nachdem ich also so ziemlich jedem unfreiwillig meine spärlich vorhandenen Brüste ins Gesicht gedrückt habe, bin ich endlich draußen. Station Lima. Und jetzt umsteigen. Linie C. Doppelte Auslastung. Mehr Menschen. Mehr Schweiß. Jetzt erstmal Wochenende.
La gente y sus peculiaridades
13. November 2009
Mir sind nämlich ein Eigenheiten der Menschen hier aufgefallen. (Abgesehen davon, dass sie meist klein sind und man sich ein bisschen wie ein Elefant fühlt.)
1. Zum einen stehen Argentinier unfassbar gerne an. Sie bilden Schlangen für alles. Beim Bäcker, vor Plattenläden, natürlich vor öffentlichen Toiletten. An Bushaltestellen reihen sie sich auf wie wir damals in der dritten Klasse als wir auf den Schulbus gewartet haben. Rumrennen war nicht und wenn dann muss der Ranzen den Platz in der Schlange feihalten. Das geht in Buenos Aires natürlich nicht. Die wär schneller weg, als man “Fang mich!” sagen kann. Is auch so albern in Buenos Aires morgens um halb neun fangen zu spielen. Joa…ähm ja wo war ich. Und wenn man einfach nur durch die Schlange will, wird man drauf hingewiesen sich anzustellen. Dabei will ich garnicht mit dem Bus fahren! Ich will einfach nur durch!
2. Pärchen haben kein Zuhause. Sie liegen stattdessen zusammengeknäult in Parks, meist unter braunen Jacken Decken aus denen Gliedmaßen hevorschauen. Egal bei welchem Wetter. Der Park ist also gepflastert mit kleinen Menschenhaufen, die aus der ferne aussehen wie Darvins Schildkröte. Was die unter den Decken machen, ist hochanständig. Sie reden. Und schmusen. Das ist irgendwie süß.
3. Geschäftsleute erkennt man in Deutschland in der Regel an Schlips und Kragen. Hier erkennt man sie an felendem Schlips und offenem Kragen. Argentinier mit besseren Jobs, also jene die nicht in der Einkaufsmeile Schuhe putzen oder Bürgersteige in Handarbeit aufmeißeln, tragen braune Mokkasins, Stoffhosen und weite Hemden mit hochgekrämpelten Ärmeln. Und nein icht auf die Dandy-Segelturn-Art. Sondern einfach auf die Ichwohnineinerwarmenstadtundmussmichtrotzdemgescheitanziehen alsoisdasjetztso-Art.
4. Und jeden Tag legen mit fünf verschiedene knopfäugige Indiokinder irgendwelche rosa Klebebildchen auf mein Knie, während ich in der U-Bahn döse. Und das machen die nicht nicht aus Spaß an der Freude, sondern weil Mama und Papa glauben, dass man damit Geld verdienen kann. Wenn man nämlich die Klebebildchen auch nur einen Zentimeter bewegt, muss man sie kaufen. Wenn nicht, sammelt sie das knopfäugige Indiokind wieder ein und zieht weiter. Das is ne schäbige Geschäftsidee, weil knopfäugige Indiokinder dank ihrer Knopfaugen schon ziemlich süß sind. Aber hab langsam raus, mich einfach schlafend zu stellen und mein Knie im Takt zu den Ruckelbewegungen der U-Bahn mitzubewegen, damit die Klebebildchen nicht runterfallen. Ja und auch das is schäbig.
El chamullo
09. November 2009
Fünf Wochen lang jeden Tag vier Stunden Spanischunterricht bringen ihr Gutes und ihr Schlechtes. Das Gute: Ich lerne Spanisch. Das Schlechte möchte ich kurz erläutern. Auf Spanisch. Muss ja üben und will ein bisschen mit meinem neu erworbenen Wissen angeben:
Todos los lunes nuevos estudiantes empienzen en la clase. Mas ó menos 30. Y en la recreo estan juntos en la escuela, toman café ó té y charlan sobre themas muy insignificantes: De donde sos? Que trabajas? Porque estás en Argentina? Vas a viajar despues? Las repuestas son tan aburridas como las preguntas. Estoy cansada encontrar nueva gente. Me molesta conversación trivial. En relidad no me gustaría hablar con ellos por que no me interesa sus vidas. Me gustaría más hablar con porteños que con extranjeros. Los todos contran la misma historia. Conocé en los cinco semanas solamente una persona más sympathica y tenía conversacíones interesantes con ella. Las otras personas solamente estan aka para colectar nuevos amigos en Facebook. Nada mas.
Lange Rede kurzer Sinn. Dieser tägliche Smalltalk mit x-beliebigen Leuten langweilt mich zunehmends.
Nachtrag:
Er rät für de kommenden Wochen einfach zu kreativeren Antworten auf die immer gleichen Fragen (Tippfehler bleiben drin, weil grad zu faul)
- Morgen antworteste: Ich komm aus Buenos Aires, und verstekce mich hier vor der Mafia
- Mittwoch: Ich bin ein schewedischer schwarzer, der seine Geschlechtsumwandlung auskuriert.
- Donnerstag: beauftrage der argentisnischen geheimpolizie – und du bist nur da, um zu kontrollieren, ob hier auch alles regierungskonform ist.
- Freitag: nur deutsch sprechen, dauernd zeigen wie hoch gefliest wurde und nicht laufen, sondern marschieren
- Montag: Gehirnschirurg, und du willst schauen, ob die lehrerin, der du eine lobotomie verpasst hast, noch sprechen kann “weisst diu, das war bis vorgestern ja noch nciht klar, das sie das jemals wieder kann
- Dienstag: Vertreter. frag jeden, ob er deine zeitung von gestern kaufen will. wenn das jemand tut (weil du natürlih nciht aufhörst, und irgendwann is einer genervt – brüllst du “DIEBSTAHL!”"
- Mittwoch: Rotzbesoffen auftauchen, und dich im unterricht melden, wo denn hier die beichstühle in dem katholen verein sind du bist evangelisch, und musst mal zum kacken, und da sollen die beichtstühle ja gut sein.
- Donnerstag: Komplett unruhig und hibbelig, keine frage beantworten. wenn dich dann jemand anspricht, sagste, dass du den vibrator hast stecken lassen, und dass sie dich ja über facebook finden könnene, wenn sie wollen.
- Freitag: komm rein, und beschwer dich, das diese partnervermittlung nicht zufriedenstellend wäre, bezeichen die lehrperson als puffmutter, und besteh darauf, dir aus den anwesendnen einene aussuchen zu dürfen.garantiere dir: am wochenende danach wirste vor DEN leuten deiene ruhe haben
Fuimos a las Cataratas des Iguazú
02. November 2009
Reisen von Buenos Aires nach Iguazú geht ungefähr so: Ein Holländer, ein Engländer und eine Deutsche, alle drei mit einer dank indischem Essen mittelschweren Magenverstimmung, setzen sich Freitagabend um sieben kreidebleich in einen Reisebus. 17 Stunden später steigen sie fast wieder gesund in Puerto Iguazú aus und stellen fest, dass es da um etwa 15 Grad wärmer und die Luft um etwa 20 Prozent feuchter ist als in der Hauptstadt. Daraufhin beschließen sie gleich mal nach Brasilien zu fahren. Nicht etwa weils da etwa kühler, sondern einfach weils ein Katzensprung is und kann man ja mal machen. Der Engländer, die Deutsche und die Holländerin (die bequemerweise einen 3-Stunden-Flug der Busreise vorgezogen hat) fahren also ins Nachbarland. Der Holländer nicht, weil der seinen Reisepass in Buenos Aires vergessen hat.
Samstag also von der brasilianischen seite Wasserfälle gucken. Die Deutsche muss ja unbedingt Cracker ans süße Wildtiere verfüttern und wird verdientermaßen von einem crackergeilen Coati angefallen. Abends wurde dann bei Bier und Grillgut am Hostel-Pool gegammelt und unfassbar seichte Gespräche mit anderen Backpackern geführt, die aus UnitedstatesÖsterreichAustraliaHollandNewzealand kommen und gerade einfachnururmreisenstudierenmaschaunwaskommtbiertrinkenodereigentlichlieber nachbolivienwollen. Sonntag dann Argentinische Seite begutachten, inklusive Fahrt im Schnellboot bis auf 15 Meter an den Wasserfall ran. Rest des Tages war der Schritt feucht.
Nach ingesamt 35 Stunden Aufenthalt im Nordzipfel müssen der Holländer und die Deutsche wieder heim. Den Engländer ziehts Richtung Westen und die faulen Holländerin genießt noch ein paar Tage den Pool. Und obwohl der Holländer sein Busticket nicht findet, flippt die Deutsche nicht einfach aus und haut ihm eine rein. Nein, die regelt das wie eine vernüftige Erwachsene und zwei Stunden später sitzen die beiden im Bus zurück nach Buenos Aires, sie mit Durchfall, er mit Schweißausbrüchen. Dass wir auf den Bildern müde ausehen, liegt nämlich daran, dass die erwähnte Magenverstimmung Sonntag in die zweite Runde ging.
Aber jaaa, die Wasserfälle gehören definitiv zu den beindruckendsten Dingen, die ich je in meinem kurzen Leben sehen durfte.
Schwach auf so vielen Ebenen.
26. Oktober 2009
B: Ach ja, haste das Video gesehn?
P: Schäuble. Ja klar. Wollt was bloggen, aber dann dachte ich mir … schwach. Glaub ich schreib ihr ne Mail. Einfach nur : “Mit Verlaub, Frau Merkel, dass ist einfach nur… schwach.”
B: Ja, ich finde es halt zum Kotzen, dass keiner von den Ach-so-Objektiven Kollegen der Folger, äh, Leitmedien da nachgehakt hat – wie es in England zum Beispiel absolut üblich ist.
P: Ich finde es bedenklich, dass ein Holländer uns darauf aufmerksam machen muss.
B: Wenn sich der Politico weigert, bekommt er nur noch diese Frage, bis es sich dazu herabgelassen hat, die zu beantworten. Und ja, deutsche Presse ist zahmer Bullshit und die Erweiterung der PR, mehr nicht mehr. Vierte Gewalt? Vergisses.
P: Jap, wir könnten daran ja was ändern.
B: Ja. Wenn wir nen Job finden.
P: Und wenn ich nicht so inkompetent wär und du nicht nur über Kameras schreiben wollen würdest.
B: hehe



















